Direkt zum Hauptbereich

48 h Berlin Neukölln - Ausstellung in der Reuterstraße 84

Wer an diesem Samstag die Berliner Reuterstraße entlangläuft, merkt schnell, dass Neukölln wieder im Ausnahmezustand ist. Türen stehen offen, Menschen bleiben stehen, irgendwo entsteht gerade eine Installation aus Dingen, die gestern noch Müll waren. Und im Hinterhaus der Nummer 84 öffnet Rainer Wieczorek sein Atelier – ein Ort, der sich seit Jahren weigert, Kunst als Ware oder als abgeschlossene Form zu behandeln. Die Treppe hinauf führt nicht in einen White Cube, sondern in einen Raum, der eher wie ein soziales Experiment wirkt. Wieczorek nennt das „Gesamtkunstwerk des Sozialen“, und dieser Begriff ist keine poetische Verpackung, sondern eine Haltung. Kunst entsteht dort, wo Menschen sich begegnen, wo Gesten zählen, wo Teilhabe nicht als pädagogisches Add‑on gedacht wird, sondern als Ausgangspunkt.

Im Atelier hängen und stehen Arbeiten aus dem Freundeskreis KUNSTdemokratie – einem solidarischen Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern, das sich nicht über Stil oder Markt definiert, sondern über eine gemeinsame Idee: Kunst als demokratische Praxis. Die Sammlung wirkt wie eine Kartografie der Gegenwart. Unterschiedliche Handschriften, politische Setzungen, leise und laute Positionen. Keine kuratorische Glättung, kein übergeordnetes Thema. Die Besucherinnen und Besucher müssen selbst sortieren, lesen, verknüpfen – und genau darin liegt die Freiheit dieses Raums.

Zu sehen sind Arbeiten von Jeannette Abée, Juliane Daldrop, Carola Humboldt, Gloria Pense, Viola Wandrey, Konstanze Winkelsen, Astrid Bransky, Carmen Canto, Asma Ounine, Lars Schumacher, Michael Kirmes‑Seitz, Ottmar Bergmann, Michael Tilgen, Tim Pernitzsch, Johann Leschinkohl, Rolf Westphal, Franz J. Hugo, Klaus Julius Brenzel, Josef Wilms, Herbert Laschet, Wolfgang Endler, Rolf Schwechheimer, Axel Philipp, Fabian Fritz, Wolfgang Hille, Susanne Schumacher, Oscar Bächthold, Schädelwaldt, Antonio Moreno Garrido und weiteren. Gemeinsam zeigen sie, wie vielfältig diese demokratische Idee gedacht werden kann – als offenes Feld, das sich jeder Besucher selbst erschließt.

Wieczoreks Ansatz knüpft an die Tradition der sozialen Skulptur, der Mail Art und der Fluxus‑Bewegung an, allerdings ohne nostalgische Rückgriffe. Es geht nicht um Zitate, sondern um Weiterdenken. Während große Institutionen über Teilhabe sprechen, praktiziert er sie einfach. Während der Kunstmarkt sich selbst optimiert, öffnet er Räume, die sich jeder Optimierungslogik entziehen.

48 Stunden Neukölln ist dafür der ideale Resonanzraum. Seit 1999 verwandelt das Festival den Bezirk in eine offene Galerie, die sich nicht über Eintrittspreise oder Exklusivität definiert, sondern über Neugier. Kunst taucht dort auf, wo man sie nicht erwartet: in Spätis, Hinterhöfen, Kellern, Parks, Treppenhäusern. Man bleibt stehen, kommt ins Gespräch, verliert sich, findet sich wieder.

Wer an diesem Samstag bei Wieczorek vorbeischaut, erlebt ein Atelier, das sich nicht abschottet, sondern aufmacht. Ein Ort, der zeigt, wie lebendig Kunst sein kann, wenn sie nicht repräsentieren muss, sondern passieren darf. Neukölln wird für zwei Tage zu einem wilden, poetischen, manchmal chaotischen, aber immer offenen Kunstfeld. Und mittendrin: ein Hinterhaus, eine Treppe, ein Atelier – und ein Künstler, der zeigt, dass Demokratie auch eine ästhetische Form sein kann.

Zum Schluss bleibt eine persönliche Note: Ich freue mich sehr, dass Rainer Wieczorek erneut ein Projekt organisiert hat – und dass meine eigene Arbeit in dieser vielstimmigen Präsentation enthalten ist.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Postkunst auf Festival in Polen - PO-MOSTY 2025

In einer Welt, die von digitalen Reizen überflutet wird, wirkt Mail Art fast wie ein poetischer Anachronismus – und doch ist sie aktueller denn je. Auf dem diesjährigen internationalen Festival der visuellen Künste PO-MOSTY WIELOKULTUROWOŚCI in Częstochowa und Zawiercie nimmt Mail Art - Postkunst, eine besondere Rolle ein: als Medium der Verbindung, als künstlerischer Brief zwischen Kulturen und als stiller Protest gegen das Vergessen. Was ist Mail Art?  Mail Art – oder Postkunst – ist eine Kunstform, die seit den 1960er Jahren existiert und sich über das Versenden von Kunstwerken per Post definiert. Es geht nicht nur um das Objekt selbst, sondern um den Akt des Sendens, des Teilens, des Kommunizierens. In Zeiten von Algorithmen und automatisierten Nachrichten ist Mail Art ein zutiefst menschlicher Ausdruck. Mail Art auf dem Festival: Brücken aus Papier - Im Rahmen von PO-MOSTY 2025 wurde ein internationales Mail-Art-Projekt initiiert, das Künstler:innen aus über 40 Ländern einlädt...

Fluxus 2025 – Ja, dann ist das so!

Fluxus 2025 – Ja, dann ist das so! Eine Ausstellung zwischen Chicago und Hannover – ein Zustand im Fluss. Fluxus ist mehr als ein Kunstbegriff – es ist eine Haltung, ein Impuls, ein Widerspruch gegen das Etablierte. Seit den frühen 1960er-Jahren steht Fluxus für die Auflösung von Grenzen: zwischen Kunstformen, zwischen Künstler:innen und Publikum, zwischen Kunst und Leben selbst. Der Begriff, geprägt von George Maciunas, bedeutet „fließen“ – und genau dieses Prinzip zieht sich durch die Geschichte und Gegenwart der Bewegung. Nach der eindrucksvollen Präsentation in Chicago im August 2025, bei der die Chicago Danztheatre Ensemble zur Bühne für Installationen, Performances und interaktive Momente wurde, setzt sich die Reise von Fluxus nun in Hannover fort. Am 6. und 7. September 2025 öffnet die Kunst & Musik Etage Hannover ihre Türen für die Ausstellung „Fluxus 2025 – Ja, dann ist das so!“, Initiiert von Lars Schumacher die im Rahmen des renommierten ZINNOBER Kunstfestivals gezeigt w...

Neue Horizonte - Ausstellung in der Mongolei

New Horizons entfaltet sich als ein transkontinentaler Begegnungsraum, in dem zeitgenössische Kunst zur treibenden Kraft kulturellen Verstehens und gemeinsamer Imagination wird. Unter der kuratorischen Leitung von Dr. Müberra Bülbül und der Koordination von Davaasambuu Batnasan versammelt die Ausstellung am 8.–9. Juli 2026 in der Mongol Art Gallery in Ulaanbaatar Künstlerinnen und Künstler aus Asien und Europa, um zu zeigen, wie künstlerische Praxis Grenzen überschreiten und neue Räume des Dialogs eröffnen kann. Eingebettet in die kulturellen Festivitäten der Mongolei versteht sich das Projekt als Einladung, Kunst als universelle Sprache zu begreifen – als Medium, das Welten verbindet und unterschiedliche Perspektiven miteinander in Resonanz bringt. Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler – darunter Doris Bocka, Mustafa Bülbül, Thomas Hillebrand, Lars Schumacher, İwa Kruczkowska, Beatriz Ramirez, Brian Testa, Leonor Trindade Sousa, Ayush Dunkhuu, Gan-Ochir Munkhjargal, Namkhaijant...