Direkt zum Hauptbereich

TRISTAN TZARA POSTKUNST

Im Herbst 2018 initiierte der kroatische Künstler und Performer Franko Bušić, Präsident der experimentellen Kunstvereinigung DADAnti Association in Split, einen internationalen Mail‑Art‑Aufruf zum Thema Tristan Tzara. Der Call verstand sich als bewusste Rückbindung an die radikale Energie des Dadaismus, dessen Mitbegründer Tristan Tzara zu den prägendsten Stimmen der historischen Avantgarde zählt. Bušić, selbst tief in der Tradition von Dada, Fluxus und experimenteller Poesie verankert, formulierte den Aufruf als Einladung zu einem offenen, nicht‑hierarchischen Netzwerk künstlerischer Korrespondenz – ein Prinzip, das die Mail Art seit den 1960er Jahren trägt und das Tzaras Geist des Widerstands gegen ästhetische und gesellschaftliche Normen fortschreibt.

Die Ausstellung, die im Herbst 2018 in Split realisiert wurde, versammelte Beiträge aus verschiedenen Ländern und verstand sich als temporäres Archiv eines globalen Dialogs. Die eingereichten Arbeiten – darunter vier Werke des Künstlers Lars Schumacher – griffen Tzaras poetische Strategien, seine Simultangedichte, seine radikale Sprachzerlegung und seine performative Ironie auf und übersetzten sie in zeitgenössische visuelle Formen. Collage, Stempelkunst, visuelle Poesie und konzeptuelle Grafik verbanden sich zu einem polyphonen Echo jener historischen Momente, in denen Tzara die Kunst von Grund auf neu definierte.

Bušićs Rolle als Initiator ist dabei zentral: Seit der Gründung der DADAnti Association im Jahr 2011 hat er die kroatische Neo‑Avantgarde maßgeblich geprägt. Mit über 70 Einzelausstellungen, 100 Performances und zahlreichen Publikationen entwickelte er eine Plattform, die experimentelle Literatur, Performance, Comic‑Kunst und Mail Art miteinander verknüpft. Die DADAnti Association fungiert als Knotenpunkt eines offenen Netzwerks, das bewusst außerhalb des kommerziellen Kunstbetriebs operiert und damit die demokratische, nicht‑jurierte Struktur der Mail Art bewahrt.

Der Tristan‑Tzara‑Call von 2018 steht exemplarisch für diese Praxis: Er ist weniger ein klassisches Ausstellungsvorhaben als ein prozessuales Ereignis, das sich im Austausch, im Versenden, im Ankommen und im Weiterdenken vollzieht. Die Ausstellung in Split markierte den Moment der Sichtbarkeit, doch die eigentliche künstlerische Handlung lag im globalen Fluss der Postsendungen – ein Prinzip, das Ray Johnsons „Eternal Network“ ebenso fortschreibt wie die anti‑institutionelle Haltung der historischen Dadaisten.

In dieser Perspektive erscheinen die vier eingereichten Arbeiten nicht nur als individuelle Beiträge, sondern als Teil eines größeren, transnationalen Gefüges: einer zeitgenössischen Reflexion über Tzaras Vermächtnis, über die Widerständigkeit der Kunst und über die fortdauernde Relevanz eines Mediums, das sich der Kontrolle entzieht und gerade darin seine Freiheit findet. Die Ausstellung in Split fügt sich damit in die lange Linie jener Projekte ein, die Mail Art als offenes, poetisches und zutiefst menschliches Kommunikationssystem begreifen – ein System, das Tzaras Geist nicht nur zitiert, sondern lebendig hält.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Neue Horizonte - Ausstellung in der Mongolei

New Horizons entfaltet sich als ein transkontinentaler Begegnungsraum, in dem zeitgenössische Kunst zur treibenden Kraft kulturellen Verstehens und gemeinsamer Imagination wird. Unter der kuratorischen Leitung von Dr. Müberra Bülbül und der Koordination von Davaasambuu Batnasan versammelt die Ausstellung am 8.–9. Juli 2026 in der Mongol Art Gallery in Ulaanbaatar Künstlerinnen und Künstler aus Asien und Europa, um zu zeigen, wie künstlerische Praxis Grenzen überschreiten und neue Räume des Dialogs eröffnen kann. Eingebettet in die kulturellen Festivitäten der Mongolei versteht sich das Projekt als Einladung, Kunst als universelle Sprache zu begreifen – als Medium, das Welten verbindet und unterschiedliche Perspektiven miteinander in Resonanz bringt. Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler – darunter Doris Bocka, Mustafa Bülbül, Thomas Hillebrand, Lars Schumacher, İwa Kruczkowska, Beatriz Ramirez, Brian Testa, Leonor Trindade Sousa, Ayush Dunkhuu, Gan-Ochir Munkhjargal, Namkhaijant...

Finissage „Expanded Field I – Migrating the Colour Fields“

Ein Abend, an dem Chicago und Burgdorf einander näherkamen Die Finissage der Ausstellung „Expanded Field I – Migrating the Colour Fields“ im Kunstraum MITTE37 wurde am 25. Juni zu einem eindrucksvollen Höhepunkt des transatlantischen Symposiums „The Ocean Between 9“. Bereits die Begrüßung durch Kunstraum‑Initiatorin Susanne Schumacher machte spürbar, dass dieser Abend mehr sein würde als ein klassischer Ausstellungsabschluss: Er wurde zu einem Ort der Begegnung, des Austauschs und der künstlerischen Resonanz zwischen Chicago, Burgdorf und Hannover. Ein Wiedersehen – und ein Auftakt voller Energie Symposiumsinitiatorin Marianna Buchwald stellte zu Beginn die anwesenden Künstler*innen vor, deren Werke und Performances die Ausstellung geprägt hatten: Amy Hanks, Daniela Castro, Judith Meyer, Kao Ra Zen, Kathryn Hempel, Kevin B. Chatham, Rychard Syska, Lori Kaplan, Marianna Buchwald, Sarah W. Holmes, Beate Axmann und Takako. Besonders herzlich fiel das Wiedersehen mit Lori Kaplan aus. Ihre ...

Fluxus 2025 – Ja, dann ist das so!

Fluxus 2025 – Ja, dann ist das so! Eine Ausstellung zwischen Chicago und Hannover – ein Zustand im Fluss. Fluxus ist mehr als ein Kunstbegriff – es ist eine Haltung, ein Impuls, ein Widerspruch gegen das Etablierte. Seit den frühen 1960er-Jahren steht Fluxus für die Auflösung von Grenzen: zwischen Kunstformen, zwischen Künstler:innen und Publikum, zwischen Kunst und Leben selbst. Der Begriff, geprägt von George Maciunas, bedeutet „fließen“ – und genau dieses Prinzip zieht sich durch die Geschichte und Gegenwart der Bewegung. Nach der eindrucksvollen Präsentation in Chicago im August 2025, bei der die Chicago Danztheatre Ensemble zur Bühne für Installationen, Performances und interaktive Momente wurde, setzt sich die Reise von Fluxus nun in Hannover fort. Am 6. und 7. September 2025 öffnet die Kunst & Musik Etage Hannover ihre Türen für die Ausstellung „Fluxus 2025 – Ja, dann ist das so!“, Initiiert von Lars Schumacher die im Rahmen des renommierten ZINNOBER Kunstfestivals gezeigt w...