Bereits zu Beginn der Veranstaltung wurde spürbar, wie sehr dieser Ansatz den Charakter des Kunstraums prägt. Susanne Schumacher, Initiatorin von MITTE37, stellte in ihrer Eröffnungsrede die Bedeutung persönlicher Begegnungen in den Mittelpunkt. Sie verwies auf das 250. Jahr der Vereinigten Staaten und betonte, wie wertvoll es ist, gerade jetzt Räume zu schaffen, in denen internationale Beziehungen nicht abstrakt bleiben, sondern im direkten Austausch lebendig werden. MITTE37 versteht sich als Ort, an dem Kunst nicht nur präsentiert, sondern gemeinsam erlebt und weitergedacht wird.
Der transatlantische Austausch, der sich an diesem Abend entfaltete, ist Teil des seit zehn Jahren bestehenden Netzwerks The Ocean Between, das Chicago und Deutschland miteinander verbindet. Dieses Netzwerk arbeitet in einer Struktur, die der zeitgenössischen Kunstpraxis entspricht: offen, vielstimmig, prozesshaft und getragen von persönlichen Beziehungen. Künstlerinnen und Künstler reisen nicht als Delegationen, sondern als individuelle Stimmen, die ihre Erfahrungen, ihre ästhetischen Strategien und ihre Sichtweisen einbringen. Dadurch entsteht ein Resonanzraum, der weit über die geografische Distanz hinausreicht.
Im Zentrum der Eröffnung standen die fünf beteiligten Kunstschaffenden, deren Positionen ein breites Spektrum zeitgenössischer Ausdrucksformen sichtbar machten. Takako präsentierte Collagen, die aus hunderten visuellen Fragmenten entstehen und den alltäglichen Bilderfluss in neue, überraschende Kompositionen verwandeln. Ein Werk trägt den Titel Anhedonie und thematisiert die Frage, wie Wahrnehmung sich verändert, wenn visuelle Eindrücke in großer Dichte auftreten. Seine Arbeiten laden dazu ein, Freude und Aufmerksamkeit neu zu entdecken.
Lori Kaplan beschrieb Kunst als Bewegung zwischen Innenwelt und Außenwelt. Für sie entsteht ein Werk, wenn Gedanken und Empfindungen Form annehmen und sichtbar werden. Ihr Ansatz versteht künstlerisches Arbeiten als menschliche Grundfähigkeit, die unabhängig von Herkunft oder Ausbildung wirksam wird.
Daniela Castro brachte eine textile Arbeit mit, die Sprache als Material nutzt. Ihre geschnittenen und collagierten Wortelemente bilden einen Schutzraum, in dem Identität, Herkunft und Selbstbehauptung miteinander verwoben sind. Die offene Kunstszene Chicagos wurde für sie zu einem Ort, an dem experimentelle Formate wachsen und neue Ausdrucksformen entstehen.
Beate Axmann zeigte großformatige Malereien auf Seidenpapier sowie eine Leinwandarbeit aus ihrer Chicago‑Serie. Ihre Werke tragen die Energie der Stadt in sich: Architektur, Licht, Bewegung und Begegnungen verdichten sich zu farbintensiven Bildräumen. Besonders eindrucksvoll waren feine Drahtgeflechte, die sie in Chicago fand und als „gefallene Engel“ bezeichnet – poetische Objekte, die den urbanen Raum in eine neue Perspektive rücken.
Marianna Buchwald, von vielen Kunstschaffenden als Mentorin gewürdigt, stellte gemeinsam mit Kristin Heike die Entwicklung des Netzwerks The Ocean Between vor. Ihre Arbeit zeigt, wie künstlerische Beziehungen über Jahre hinweg wachsen und wie wichtig kontinuierliche, persönliche Verbindungen für internationale Kooperationen sind.
Die Finissage am 25. Juni 2026 führt diesen Gedanken weiter. Ab 17:30 Uhr begegnen sich erneut Kunstschaffende aus Chicago und Burgdorf. Um 18:00 Uhr folgt die Filmpräsentation der Chicago Film Group 312, anschließend zwei Kunstgespräche mit dem Rapper und Spoken‑Word‑Artist Kao Ra Zen sowie den Filmemachern Richard Syska und Kevin B. Chatham. Der Abend verbindet Film, Musik, Sprache und Gespräch zu einem weiteren Moment des internationalen Austauschs. Mit dem anschließenden Besuch des Zapfenstreichs des Burgdorfer Schützenfestes entsteht ein reizvoller Übergang zwischen globaler Kunstpraxis und lokaler Tradition.
EXPANDED FIELD I I zeigt, wie Kunst heute wirken kann: als Brücke zwischen Menschen und Orten, als Resonanzraum für gesellschaftliche Fragen, als Netzwerk, das Grenzen überwindet und als Einladung, gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln. MITTE37 macht sichtbar, dass internationale Kunst nicht an Metropolen gebunden ist – sie entsteht überall dort, wo Menschen bereit sind, Räume zu öffnen und Dialoge zu gestalten.

