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Perforator auf Wanderschaft - Maschine mit Seele?

Die Wanderschaft des Perforators Emil Kahle 

Der Perforator aus der Maschinenfabrik Emil Kahle in Leipzig Paunsdorf gehört zu den langlebigen technischen Geräten des grafischen Gewerbes, die über mehrere Generationen hinweg genutzt wurden. Das Modell mit einer Arbeitsbreite von 600 mm, einer Punktperforation von etwa 1 mm Durchmesser und einem Gewicht von rund 200 Kilogramm wurde vermutlich Mitte der 1930er Jahre hergestellt, bevor die Firma 1939 aus dem Handelsregister gelöscht wurde. Maschinen dieser Art kamen in Druckereien, Buchbindereien und grafischen Werkstätten zum Einsatz, wo sie für die Herstellung von Formularen, Wertzeichen, Heftstreifen oder perforierten Druckerzeugnissen genutzt wurden.

In den 1970er Jahren gelangte der Perforator in das Atelier des Mindener Künstlers Josef „Jo“ Klaffki. Klaffki, 1943 in Ostpreußen geboren, hatte zunächst eine Schlosserlehre absolviert und anschließend an der Berliner Kunstakademie Grafik Design und Malerei studiert. Seine technische Ausbildung erleichterte ihm den Umgang mit industriellen Maschinen, die er in seine künstlerische Arbeit integrierte. In Minden etablierte er ein Atelier, später in der ehemaligen Zigarrenkistenfabrik, das zu einem Treffpunkt für regionale und überregionale Kunstschaffende wurde. Klaffki nutzte den Perforator zur Herstellung von Künstlerbriefmarken, einem Medium, das seit den DADA Bewegungen und später durch Fluxus und die New York Correspondence School internationale Bedeutung erlangt hatte. Seine perforierten Marken und grafischen Arbeiten trugen dazu bei, Minden als „Mail Art Mekka“ bekannt zu machen.

Nach Klaffkis Tod im Jahr 1997 übernahmen Angela und Peter Netmail die Maschine. Beide waren seit den frühen 1980er Jahren in der Mail Art Szene aktiv und prägten die Weiterentwicklung der Mindener Mail Art maßgeblich. Angela Netmail nutzte den Perforator intensiv zur Herstellung von Künstlerbriefmarken und gab ein eigenes Magazin heraus, das sich ausschließlich diesem Medium widmete. Ihre Arbeit war geprägt von einer systematischen Archivierung, präziser handwerklicher Ausführung und internationaler Vernetzung. Peter Netmail engagierte sich im Kulturzentrum BÜZ und initiierte zahlreiche Mail Art Projekte mit Jugendlichen, Geflüchteten und internationalen Teilnehmerinnen. 1992 waren beide im Rahmen der Decentralized Networking Congresses ein Jahr lang als „Kunst Postboten“ tätig und stehen aufgrund dieser Tätigkeit im Guinness Buch der Rekorde als Briefzustellerinnen mit dem größten Zustellbezirk zwischen Hongkong und Dublin. Der Perforator blieb in dieser Zeit ein zentrales Werkzeug für die Produktion perforierter Marken, die in internationalen Netzwerken zirkulierten.

Im Sommer 2024 veränderte sich die Situation durch den Umzug des Künstlerpaares Netmail nach Andalusien. Der Perforator wurde an Susanne und Lars Schumacher übergeben, die seit vielen Jahren in der Mail Art Szene aktiv sind und ein umfangreiches Archiv sowie internationale Kontakte pflegen. Die Maschine wurde gereinigt, technisch überholt und in eine Werkstatt in Burgdorf integriert, die sich auf Mail Art, Druckgrafik und die Herstellung von Künstlerbriefmarken spezialisiert. Geplant ist die Produktion limitierter Markenserien sowie die Erweiterung der Werkstatt durch einen Drucktiegel und eine Abziehpresse. In dieser Phase wird der Perforator nicht nur als funktionales Werkzeug genutzt, sondern auch als historisches Objekt verstanden, dessen Biografie dokumentiert und in die zeitgenössische Werkstattkultur eingebettet wird.

Der ursprüngliche Preis von 131 Reichsmark im Jahr 1936 entspricht heute etwa 617 Euro und verdeutlicht die Position der Maschine als professionelles Werkzeug im mittleren Preissegment der grafischen Industrie. Aus kuratorischer Sicht ist der Perforator ein Beispiel für die Migration industrieller Technik in die Kunst, für die Rolle technischer Geräte in der Mail Art Geschichte und für die Bedeutung von Objektbiografien in der Dokumentation kultureller Praktiken. Seine Nutzung über mehrere Jahrzehnte hinweg zeigt, wie technische Infrastruktur künstlerische Kommunikation ermöglicht und lokale wie internationale Netzwerke verbindet.

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