Der Art’s Birthday, jener poetisch‑konzeptuelle Geburtstag der Kunst, geht auf eine radikale Geste des französischen Fluxus‑Künstlers Robert Filliou zurück, der 1963 erklärte, die Kunst sei am 17. Januar vor exakt einer Million Jahren entstanden – in dem Moment, als ein Mensch einen trockenen Schwamm ins Wasser fallen ließ. Diese bewusst spielerische Datierung, die Filliou als „anniversaire de l’art“ bezeichnete, ist weniger historische Behauptung als ein Akt der Imagination: ein Versuch, die Kunst aus den engen Räumen der Institutionen zu lösen und sie als permanente, alltägliche, kollektive Schöpfung zu begreifen. Seitdem wird der Art’s Birthday jedes Jahr weltweit gefeiert, als ein Tag, der die Präsenz der Kunst im täglichen Leben würdigt und die Idee der „création permanente“ in die Gegenwart trägt. Der 1.000.060. Art’s Birthday wurde am 17. Januar 2023 begangen – ein Datum, das die fortlaufende Zeitrechnung des Fluxus‑Gedankens sichtbar macht und die Kunst als ein unabschließbares, evolutionäres Kontinuum versteht.
Im Zentrum dieser Feier steht das „Eternal Network“, ein Begriff, den Filliou gemeinsam mit George Brecht prägte und der die Idee eines grenzenlosen, nicht‑hierarchischen Kommunikationsraums beschreibt. Dieses Netzwerk existiert jenseits institutioneller Strukturen und nutzt alle verfügbaren Medien – Post, Fax, E‑Mail, Internet, Radio und jede andere denkbare Form der Übermittlung –, um Kunst als Geschenk zirkulieren zu lassen. Die einzige Regel lautet, dass jede Person senden und empfangen soll: ein Austausch, der nicht auf Repräsentation, sondern auf Beziehung beruht. Das Eternal Network ist damit ein frühes Modell dessen, was heute als globale künstlerische Community verstanden wird – ein Netzwerk, das nicht durch Technik definiert ist, sondern durch die Haltung der Beteiligten.
Seit vielen Jahren beteiligen sich die Fluxus‑Künstler Lars Schumacher und Susanne Schumacher an dieser weltweiten Correspondence Art des Art’s Birthday. Ihre Teilnahme ist nicht nur ein Beitrag zu einer Tradition, sondern Ausdruck einer künstlerischen Haltung, die das Prinzip des Gebens und Empfangens als ästhetische Praxis versteht. Für das Jahr 2023 entwickelten sie eine eigene Postkarte, die in einer limitierten Auflage an Freundinnen und Freunde, an Institutionen und an internationale Kunstnetzwerke versendet wurde. Diese Karte ist Teil einer fortlaufenden Serie von Arbeiten, die das Medium der Post als künstlerischen Raum nutzen – ein Raum, der Intimität, Direktheit und die physische Spur des Austauschs bewahrt.
In der Logik des Art’s Birthday wird jede dieser Karten zu einem Geschenk an die Kunst selbst, zu einem Beitrag zur „création permanente“, die Filliou als das eigentliche Wesen der Kunst verstand. Die Arbeit der Schumachers fügt sich damit in eine lange Linie fluxusbasierter Praktiken ein, die das Alltägliche, das Spielerische und das Prozesshafte in den Mittelpunkt stellen. Ihre Beteiligung zeigt, wie lebendig die Idee des Eternal Network im 21. Jahrhundert geblieben ist und wie Künstlerinnen und Künstler weiterhin Wege finden, die Kunst aus den institutionellen Räumen heraus in die Welt zu tragen – als Geste, als Zeichen, als Verbindung.
