Die älteste und größte Industrieregion der Vereinigten Staaten erstreckt sich entlang der Großen Seen von Chicago über Detroit und Pittsburgh bis an die Ostküste nach Boston, Washington_D.C. und New_York_City. Diese Region, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre volle industrielle Kraft entfaltete, erhielt den Namen Manufacturing Belt und wurde zu einem Zentrum technologischer Innovation, kultureller Produktion und gesellschaftlicher Transformation. In den 1970er Jahren begann ein tiefgreifender struktureller Wandel, der die Region neu definierte und ihr den späteren Begriff Rust Belt verlieh – ein Ausdruck für die sichtbaren Spuren einer Industrie, die sich in Richtung Zukunft weiterentwickelte und neue kulturelle Räume öffnete.
Diese Landschaft ist geprägt von einer außergewöhnlichen kulturellen Vielfalt: dem Motown‑Sound und der Techno‑Kultur Detroits, den Soul‑ und Jazz‑Traditionen Chicagos und New Yorks, den künstlerischen Spuren von Andy Warhol und Jackson Pollock, den historischen Erzählungen einflussreicher Familien wie Rockefeller, Kennedy und Trump, sowie den ikonischen Automobilmarken Studebaker, Packard, Ford und vielen weiteren, die das industrielle Selbstverständnis der Region prägten. Für uns wurde diese Reise zu einem lebendigen Erfahrungsraum, in dem wir Menschen begegneten, deren Geschichten, Offenheit und Herzlichkeit die Städte und Landschaften mit einer besonderen Wärme erfüllten.
Am kommenden Samstag präsentieren Maik Hermanns und Lars Schumacher Fotografien dieser Reise in Burgdorf. Die Ausstellung eröffnet einen visuellen Dialog zwischen industrieller Geschichte, urbaner Gegenwart und persönlicher Begegnung. Eine begrenzte Anzahl an Besucherinnen und Interessierten hat die Möglichkeit, an diesem Moment teilzuhaben und die Bilder als Resonanzräume einer Reise zu erleben, die sich zwischen dokumentarischer Beobachtung und subjektiver Erfahrung bewegt.
Das wichtigste Stück des Reisegepäcks ist und bleibt ein fröhliches Herz.
Hermann Löns
Die Reise, die Maik Hermanns und Lars Schumacher im Frühjahr 2018 unternahmen, war weit mehr als ein Urlaub. Sie begann als gemeinsames Projekt zweier Freunde, die sich über Wochen hinweg vorbereiteten, Orte sammelten, Gedanken teilten und eine Route entwarfen, die Chicago, Detroit, Pittsburgh, Washington, New York und Boston verband. Doch der eigentliche Kern lag im Dazwischen — in den Begegnungen, Gesprächen und künstlerischen Impulsen, die sich unterwegs ergaben.
Schon der Abflug aus Hannover fühlte sich an wie der Beginn eines Experiments. In Chicago öffnete sich: Begegnungen mit dem NeuroKitchen Arts Collective, Gespräche über Kunst und Gemeinschaft, die Arbeit im DANK Haus und das Gefühl, nicht Besucher, sondern Teil eines lebendigen Austauschs zu sein. „Chicago war der erste Resonanzraum dieser Reise – ein Ort, an dem wir nicht Besucher waren, sondern Teil eines lebendigen Austauschs.“
Detroit wurde zum Schlüsselort. Die Stadt, deren Geschichte zwischen industrieller Kraft und kultureller Erneuerung oszilliert, verband sich unmittelbar mit Lars’ Mail‑Art‑ und Fluxus‑Gedanken. Das Fox Theatre, die Ambassador Bridge, Motown Records, die Packard Plant und das Heidelberg Project wurden zu Stationen einer künstlerischen Spurensuche. „Detroit war für mich ein Spiegel einer Nation, ein Ort, der Aufstieg und Wandel, Kreativität und Erneuerung in sich trägt.“
Die Reise führte weiter über die Niagara Falls nach Rochester, durch stille Wälder zum Letchworth Canyon und schließlich nach Pittsburgh, wo das Grab von Andy Warhol und das Warhol Museum zu persönlichen Momenten wurden. Washington, D.C. öffnete den Blick auf politische Symbolik, Atlantic City auf Küstenkultur und Übergänge zwischen Nostalgie und Gegenwart.
New York City wurde zum intensivsten Punkt der Reise: Flohmärkte als Archive des Alltags, Begegnungen in der Carnegie Hall, Spaziergänge durch Harlem und die Bronx, ein zufälliger Besuch im Louis Armstrong House Museum, das Rockefeller Center, die Brooklyn Bridge, Coney Island, Montauk und Cape Cod. Das persönliche Treffen mit den Künstlern Lady Silvia Boyer und Daniel C. Boyer. Die Stadt wurde zu einem Netzwerk aus Kunst, Klang, Geschichte und urbaner Energie. „New York war nicht nur Stadt, sondern Netzwerk, Begegnung, Kulturraum.“
Boston bildete den ruhigen Abschluss — ein Ort, an dem sich die Bewegung der Reise rundete, bevor der Rückflug nach Hannover erfolgte. Wir besuchten die Hotspots der Stadt, das Zeitgenössische Kunstmuseum, wir trafen die Künstlerin Sharon Silverman mit der wir bereits seit Jahren Kontakt hatten und ihren Mann Jim. Ein grandioser amerikanischer Partyabend, bei dem die Restaurant Besucher sangen bildete einen so schönen Abschluss der Tage in Amerika.
Nach der Rückkehr setzte sich die Reise fort: Marianna, Anita, Ron und die Kinder kamen nach Deutschland, es gab Proben, Maskentänze, Barbecues. Die Begegnungen blieben lebendig und wirken bis heute nach. „Die Reise war nicht vorbei – sie setzte sich fort in Begegnungen, in Projekten, in Freundschaften, die auch fast zehn Jahre später noch halten.“
Diese Reise war ein künstlerischer Impuls, ein internationales Gespräch, ein Weg durch Landschaften, Geschichten und Menschen — und ein Stück gelebte Freundschaft, das sich in Bildern, Erinnerungen und Projekten weiterträgt.
